Deckert und sein Antisemitismus

Vom Antisemitismus von Pfarrer Deckert und seiner Zeit
zum 2. Vatikanischen Konzil 

Wie es zu der Weinhauser Tafelkomposition kam

Die Arbeitsgruppe „Pfarrer Deckert“

Den Anstoß zur Beschäftigung mit der Geschichte unserer Pfarre und dem Antisemitismus von Pfarrer Deckert gab ein Projekt im Zusammenhang mit der Akademie der bildenden Künste, unterstützt vom Fonds zur Förderung der wissen­schaftlichen Forschung: Frau Karin Schneider, Historikerin an der Aka­demie, und Herr Tal Adler, Fotograf aus Tel Aviv, versuchen mit Hilfe von Fotos von Orten und Ereignissen einen Prozess des Rückerinnerns einzu­leiten, und dabei kamen sie auch auf unsere Pfarre. Es wurde nach Gesprächen im Pfarrgemeinderat mit den beiden Projektleitern und einigen Interessierten der Pfarre eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich fast  zwei  Jahr lang ernst und ausführlich mit der Frage befasste: Was sind die Wurzeln des Antisemitismus? Was können wir zur Judenfeind­lichkeit  in der Kirche und auch zur Tätigkeit von Pfr. Deckert sagen?

Antijudaismus gab es schon vor Christus in der Antike. Es folgte eine ver­hängnisvoll falsche Bibelinterpretation im christlichen Raum und ihre Weitergabe durch viele Christen, Theologen und Priester, immer wieder in den Jahrhunderten.  Dazu kam die Behauptung, wie sie auch Pfarrer Deckert heftig vertrat,  die jüdische Rasse sei minderwertig,  das Schicksal der Juden, fanden manche, sogar Strafe Gottes. Die Aktivitäten von Pfarrer Deckert, verbunden mit dem Antisemitismus in Wien, trugen zu dem Grundklima bei, in dem einige Jahrzehnte später die Schoa möglich wurde.

In diesem Jahr der Projektarbeit gab es in unserer Pfarre einige „Konzils­abende“ und es wurde klar: Mit dem 2. Vatikanischen Konzil hat die Kirche neu ihr Verhältnis zu den Juden angeschaut, bereut und einen neuen Boden für die Zukunft geschaffen. Wir haben die Verpflichtung erkannt, den Konzilsaussagen und den Worten der Päpste seit dem Konzil Gehör zu verschaffen. Um das Verständnis für das jüdische Volk zu ver­bessern, besuchten Projektteilnehmer verschiedene Veranstaltungen (Steine der Erinnerung), Ausstellungen und Gedenkfeiern z.B. für die zerstörte Währinger Synagoge. Beispiele des Erinnerns aus dem 18.Bezirk und anderen Orten wurden studiert, um zur notwendigen Klarheit und Eindeutigkeit der Aussagen auf der geplanten Gedenktafel zu finden.

Während der ganzen Zeit der Projektarbeit begleiteten uns Frau Schneider und Herr Adler, auch emotional hineingezogen, mit sehr vielen Anregungen und der Einladung zu ihren  Ausstellungen, um zu sehen, wie andere Gruppen mit den  verdrängten Teilen ihrer Geschichte umgehen. Den beiden gilt unser besonderer Dank!

Pfarrer Deckert im Originalwortlaut

Joseph Deckert, von 1874 bis 1901 Pfarrer von Weinhaus, zeigte sich überzeugt, „dass die Juden den Untergang des Staates verursacht hatten, in dem die christliche Kultur an oberster Stelle gestanden war. Die ‚Judenherrschaft‘ habe das innerste Wesen des österreichischen Staates verändert, indem sie ihn zwang, seine christlichen Ursprünge und seine christliche Ethik zu verleugnen. Die Gesellschaft sei jetzt ein ‚kranker Körper‘ geworden.“

„Der einen Gefahr sind wir entgangen, aber in einer anderen, noch größeren Gefahr befinden wir uns, ein anderes weit schmählicheres Joch als das Türkenjoch lastet auf uns, und es bedarf wieder des gemeinsamen Gebetes und der vereinigten Kräfte aller Christen, dies Joch abzuschütteln.“

„Die Emancipation der Juden, d.h. ihre vollständige Gleichberechtigung, ihre politische Gleichstellung mit den Christen, ist, so unglaublich dies klingen mag, der Grund der schmählichen Knechtschaft, unter welcher wir jetzt stehen. Es ist also der Staat und seine Gesetzgebung nicht mehr christlich, der christliche Staat hat vor dem Judenthume capitulirt.“

„Der Tag, an welchem verfassungsmäßig die Remancipation der Juden [d. h. die Rücknahme der gesetzlichen Gleichberechtigung] ausge­spro­chen werden wird, wird ein Tag des Sieges des Christenthums sein, ebenso glorreich wie einst der 12. Sept. 1683. Die christlichen Völker werden wieder aufathmen, die Sclavenfesseln werden fallen, das schmäh­liche Joch wird gebrochen sein. Heil dem Staate, der dies zuerst zu Stande bringt!“

„Sie sind geblieben, was sie waren: ein uns unsympathisches, christlichen Glauben und christliche Sitten zersetzendes Element, anders geartet als wir Arier.“

„Bei gläubigen Christen steht fest, daß das Volk der Juden durch die Verwerfung ihres Messias von Gott verworfen wurde, und daß dieses gottesmörderische Geschlecht zur Strafe für die Frevel seiner Vorfahren heimat- und ruhelos auf Erden herumirren muß. Ihre Auserwählung ist überflüssig geworden.“

1893 beantwortet Pfarrer Deckert die Frage, ob ein Priester Antisemit sein dürfte, „mit voller Überzeugung: Ja, er kann es, er soll es sein und, wenn er es noch nicht ist, soll und muss er es werden.“

Wie wurde das Wirken Pfarrer Deckerts in seiner Zeit dokumentiert:

Michael Wladika zitiert in seinem 675 Seiten starken Buch „Hitlers Vätergeneration – die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k. u. k. Monarchie“ (Wien 2005) einen Wiener Polizeibericht:

„Die Zahl der Priester ist keine geringe, die sich in den Dienst der antisemitischen Agitation gestellt haben.“ Gleichzeitig mit der Bekanntgabe, veranlaßt zu haben, „die Tätigkeit des Klerus einer unauffälligen Über­wachung zu unterstellen“, hob Stejskal [der Wiener Polizeipräsident] gleich einige der „leuch­tendsten Beispiele“ hervor: den „Veteranen“ des politischen Katholizismus im journalistischen Bereich, Dechant Albert Wiesinger von St. Peter, „genügsam durch seine Hetzreden bekannt“; Pfarrer Josef Deckert von Währing-Weinhaus, die „Seele der antisemitischen Agitation“; Kooperator Karl Dittrich vom 2. Bezirk; Franz Stauracz, den Spiritualdirektor der „Klosterfrauen vom Guten Hirten“ im 5. Bezirk, Einsiedlergasse 1, ein späterer führender Christlichsozialer; Franz Schnabl, Kooperator zu St. Othmar im 3. Bezirk und Adam Latschka, den an der Votivkirche als Kooperator tätigen Mitbegründer der christlichsozialen Partei.

Wie Pfarrer Deckert den Bau der Kirche St. Josef verbindet mit dem Gedenken an die Türkenbefreiung und seinem Antisemitismus

In einer seiner „Conferenzreden”, gehalten am 8. September 1893 in der St. Josefs-Kirche, sagte Pfarrer Deckert: „Wir befinden uns in einem Gotteshause, das zum Andenken an eine für Wien und die ganze abend­ländische Christenheit überaus wichtige Begebenheit erbaut wurde, zum Andenken an die glorreiche Befreiung Wiens aus der Türkennoth des Jahres 1683. …

Vor 10 Jahren feierte die Stadt Wien das 200-jährige Jubiläum ihrer Befreiung aus der Türkennoth; aber nicht wie es in anderen Städten  wohl geschehen wäre, mit außer­ordentlichen Festlichkeiten, etwa mit einem historischen Festzuge, der ganz geeignet gewesen wäre, der Wiener Bevölkerung die Bedeutung des Sieges von 1683 recht lebendig vor Augen zu führen. Warum nicht?

Weil ein kleiner Theil der Wiener Bürger, die aber damals einen maß­gebenden Einfluß auszuüben in der Lage waren, nicht mitthun wollte. Natürlich. Ihre Vorfahren waren bei jener Heldenthat nicht beteiligt, sie wurden damals nicht geduldet, standen sogar mit den Feinden des Lan­des in Verbindung und noch später waren es […] gerade die Juden, welche bei der Belagerung Ofens durch die christlichen Heere den hart­näckigsten Widerstand leisteten. Unsere nichtchristlichen Mitbürger hatten also freilich keine Veranlassung, das christliche Fest mitzufeiern; es war ihnen sogar sehr unangenehm und so kam es, daß das Jubiläum ziemlich still vorüberging.“

„Der einen Gefahr sind wir entgangen, aber in einer anderen, noch grö­ßeren Gefahr befinden wir uns, ein anderes weit schmählicheres Joch als das Türkenjoch lastet auf uns und es bedarf wieder des gemeinsamen Gebetes und der vereinigten Kräfte aller Christen, dies Joch abzu­schütteln.“

Als Festprediger zum Fest der Kirchenweihe 1889 hatte Deckert den deutschen Jesuitenpater Max von Klinkowström gebeten, der diesen Gedanken nochmals öffentlich betonte. Er sagte in seiner Predigt: „Allerdings sind es nicht mehr die Türken, auf deren feindliche Bewegungen wir zu schauen haben, […] es sind andere Feinde, auf deren Bestrebungen sich die Blicke richten müßten. […]

Es sind Feinde, die in Maulwurfsarbeit die Fundamente des Christen­thums unterwühlen; die Völker zu entchristlichen streben, dadurch dass sie die Ehe und Schule und dadurch die Familie des christlichen Charak­ters entkleiden; Feinde, die den materiellen Wohlstand der Völker vampyrartig aussaugen; nach der Weltherrschaft streben und denen wegen Mangel an Wachsamkeit ein gutes Stück Arbeit gelungen ist.“ 
(zitiert aus: http://www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at/ort/st-josephs-votivkirche-zu-weinhaus/)

Aber ist nicht die Bibel selbst auch antijudaistisch?

Im Lesen der biblischen Texte ist erkennbar, dass es sich um inner­jüdi­sche Auseinandersetzungen um den Glauben handelt – inzwischen weiß man, dass die Trennung von Juden und Christen erst deutlich später erfolgte, als früher angenommen. Die Texte des Neuen Testaments sind alle lange vorher entstanden. Solche Auseinandersetzungen um das rechte Verständnis des Glaubens wurden unter den Juden in großer Offen­heit und oft heftig geführt, wie es auch die Tradition der Propheten zeigt – zumal an vielen Stellen, wo es heißt „die Juden“ oder „die Schriftgelehrten, die Pharisäer“, damit die in der aktuellen Erzählung Anwesenden gemeint sind – so beim Prozess Jesu, wo es heißt: „Die Juden aber schrien: „Ans Kreuz mit ihm“ – das waren eben die, die sich damals vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatten.

Das 2001 von der Päpstlichen Bibelkommission veröffentlichte Dokument „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ hält ausdrück­lich fest: 
„In der Vergangenheit mochte zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten der Bruch zwischen dem jüdischen Volk und der Kirche Jesu Christi fast vollständig erscheinen. Im Lichte der Schrift sieht man, dass es dazu niemals hätte kommen dürfen.“

Die Rede vom Bund Gottes im Alten Testament und bei Paulus -
zwei Beispielstellen

Schon das Alte Testament spricht über den Bund Gottes mit Israel:

Aus dem Buch Genesis 17,7
Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkom­men, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Dir und deinen Nachkommen werde ich Gott sein.

Und Paulus schreibt dazu:

Paulus im Brief an die Römer, 11. Kapitel 
Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! … Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. … Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.

Nostra Aetate

Ein Kompromisswerk und doch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung

„Nostra Aetate“ (lat.: „In unserer Zeit“; vatikanische Dokumente werden immer mit den Anfangsworten betitelt), die Erklärung des 2. Vatikanischen Konzils zum Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, wird trotz des knappen Textes zu den bedeutendsten und wirkungsmächtigsten Texten gezählt. Papst Johannes XXIII. wollte damit das Verhältnis zwischen Juden und Christen, besonders nach den Gräueltaten des 2. Weltkrieges, verbessern. So änderte er nicht nur die Karfreitagsfürbitten (In der früheren Version betete man für „die treulosen Juden“, die verblendet seien und trotzdem nicht aus Gottes Erbarmung ausgeschlossen sein würden, die neue Version verändert diese Fürbitte stark, denn nun wird der Bund, der zuerst mit den Juden geschlossen wurde, die zuerst erwählt waren, die Treue und Liebe Gottes zu den Juden betont.) und ließ judenfeindliche Äußerungen aus den liturgischen Büchern streichen, sondern beauftragte auch die Erstellung eines Schemas gegen den Antisemitismus, das jedoch aufgrund zahlreicher Einwände von unterschiedlichen Seiten abgelehnt wurde.

Ein überarbeiteter Text, in dem neben den Erklärungen zum Judentum, die noch immer den größten Teil des Textes einnehmen, auch die großen nichtchristlichen Religionen Hinduismus, Buddhismus und Islam behandelt werden, wurde schließlich angenommen und am 28.10.1965 verkündet.

Der Text möchte nicht missionieren. Er nimmt die Pluralität der Religionen wahr, betont die Aufgabe der Kirche, die „Einheit und Liebe unter den Menschen“ zu fördern, charakterisiert die einzelnen Religionen kurz und schließt mit einem Appell an die Geschwisterlichkeit und einer Verurteilung jeglicher Diskriminierung.

Der 4. Artikel, der das Judentum behandelt, betont die bleibende Erwählung Israels, die Wurzeln der Kirche im Volk Israel, das Jude-Sein von Jesus und den Aposteln, die gegenseitige Kenntnis und Achtung und die Notwendigkeit, den Vorwurf des Gottesmordes zurückzuweisen. Ebenso wird jegliche Verfolgung von Menschen, besonders aus religiösen Gründen, beklagt. Hier wird der Antisemitismus namentlich genannt.

Es ist heute nur mehr schwer vorstellbar, wie schwierig es war, diese totale Kehrtwende der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum in den Konzilsdokumenten unterzubringen und damit die Verkündigung der Kirche in Bezug auf die Juden fast auf den Kopf zu stellen. Auch wenn es wünschenswert wäre, dass die Formulierungen klarer wären, und dass es ein eigenes Dokument gegeben hätte, da es sich beim Judentum um den „Ursprungsort“ des Christentums handelt. Es darf nicht vergessen werden, dass diese Erklärung bis heute einzigartig ist und Türen der Begegnung und des Dialogs öffnete, die auch von den folgenden Päpsten genutzt wurden und werden.

(Vgl.: Otto Hermann Pesch: „Perfidi Judaei?“ in: ders.: Das Zweite Vatikanische Konzil: Vorgeschichte-Verlauf-Ergebnisse-Wirkungsgeschichte; Karl Rahner (u.a.): Kleines Konzilskompendium: Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils; Johann Figl (u.a.): Nostra Aetate – Grundsatzerklärung über die Beziehung der Kirche zu den Religionen in: Jan-Heiner Tück (Hg.): Erinnerung an die Zukunft: Das Zweite Vatikanische Konzil.)

Das 2. Vatikanische Konzil, das auch auf den Tafeln der Besinnung an der Weinhauser Kirche zitiert wird, brachte eine Wendung im Verhältnis der Kirche zum Judentum:

 

„Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schöss­linge eingepfropft sind….“

Ein Gebet, das der Überlieferung nach von Johannes XXIII. stammt, drückt aus, was ihn bewegte und die Kirche bis heute bewegt:

Wir sind uns heute bewusst, 
dass viele Jahrhunderte der Blindheit uns die Augen verhüllt haben, 
so dass wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht mehr zu sehen 
und in ihren Gesichtern die Züge unserer bevorzugten Brüder 
nicht mehr zu erkennen vermochten. 

Wir verstehen, dass uns ein Kainsmal auf die Stirne geschrieben wurde. 
Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blut gelegen, 
das wir vergossen, oder er hat die Tränen geweint, 
die wir verursacht haben, weil wir deine Liebe vergaßen.

Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an ihren Namen JUDE hefteten. 
Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleisch 
zum zweiten Mal ans Kreuz schlugen. 
Denn wir wussten nicht, was wir taten.

Auf evangelischer Seite fasste u. a. die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland 1980 einen Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden. Darin heißt es u.a.:

„Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, dass die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist.“

Und Papst Johannes Paul II. mahnte in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“: … dass sich jede kirchliche Gemeinschaft, soweit es die Um­stände erlauben, in den Dialog und die Zusammenarbeit mit den Gläubi­gen der jüdischen Religion einüben muss. Dieses Sich-Einüben in den Dialog führt unter anderem dazu, dass „man sich daran erinnert, wel­chen Anteil die Söhne der Kirche an der Entstehung und Verbreitung einer antisemitischen Haltung in der Geschichte haben mochten, und dafür Gott um Vergebung bittet und auf jede Weise Begegnungen der Versöhnung und Freundschaft mit den Söhnen und Töchtern Israels fördert“.          

 

Zwei jüdische Aussagen zum Weg der Kirche als Beispiel

 

David Flusser (1917-2000, jüdischer Religionswissenschaftler, der sich auch mit dem Neuen Testament beschäftigte): „Das Christentum müsste absterben, wenn es die Verbindung zum Judentum preisgäbe. Und das Judentum müsste verdorren, wenn es das Christentum und seinen jüdi­schen Einschlag nicht beachtete.“

Der amerikanische Rabbiner David Rosen (früher Oberrabbiner von Irland und Südafrika und heute der internationale Direktor für Beziehungen zum Christentum beim American Jewish Committee) bezeichnete bei einer Veranstaltung anlässlich „40 Jahre Nostra Aetate“ die Erklärung als eine Revolution im kirchlichen Denken gegenüber dem Judentum.  „Stellen sie sich eine Milliarde Gläubiger vor“, sagte Rosen gegenüber der israelischen Tageszeitung Jerusalem Post, „die gestern noch gelehrt wor­den waren, die Juden seien mit dem Teufel im Bund, und plötzlich erzählt bekommen, die Juden seien das  Bundesvolk Gottes, oder, wie es Papst Johannes Paul II. ausgedrückt hat, ‚unser über alles geliebter älterer Bruder‘“.

Die Texte der Tafelkomposition 
an der Kirche St. Josef-Weinhaus, 1180 Wien, Gentzgasse 140-142

 

 

Haupttafel

 

Diese Kirche wurde unter Pfarrer Dr. Joseph Deckert (1843-1901) erbaut und im Jahr 1889 geweiht. Pfarrer Deckert war ein sehr engagierter Seelsorger, jedoch verbreitete er von hier aus als kirchliche Autorität in Predigten und Schriften Verleumdungen über Juden und das Judentum. So trug er mit anderen zu einer Verschärfung des Antisemitismus bei.

Der verhängnisvolle Einfluss dieser Haltung in der Zeit des National­sozialismus einerseits und die Leugnung des bleibenden Bundes Gottes mit dem Volk Israel andererseits machen uns betroffen. Deshalb lassen wir uns von der Umkehr der Kirche im 2. Vatikanischen Konzil leiten und möchten als Pfarrgemeinde zur Versöhnung zwischen Juden und Christen beitragen.

     Zum 125-jährigen Jubiläum der Weihe dieser Kirche, 2014
     Der Pfarrgemeinderat

 

Links daneben

 

Viele Nationen machen sich auf den Weg. 
Kommt, wir ziehen hinauf zum Haus des Gottes Jakobs. 
Auf seinen Pfaden wollen wir gehen. 
Denn von Zion kommt die Weisung, 
aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn.

Aus dem Buch des Propheten Micha, 4. Kapitel

 

Rechts daneben

 

Gott hat sein Volk nicht verstoßen,  das er einst erwählt hat. 
Ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige.
Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.

Paulus im Brief an die Römer, 11. Kapitel

 

Links unten

 

Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche … alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.           
Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern.

Aus der Konzilserklärung „Nostra Aetate“, 4

 

Rechts unten

 

Was ich Ihnen mit dem Apostel Paulus sagen kann, ist, dass Gottes Treue zum Bund mit Israel nie aufgehört hat und dass die Juden durch die furchtbaren Prüfungen dieser Jahrhunderte hindurch ihren Glauben an Gott bewahrt haben. Und dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, nie genug danken können.

Papst Franziskus an E. Scalfari, 2013

The Memorial Plaques at St Joseph’s Church in Vienna-Weinhaus

 

 

Main Plaque

 

This church was founded by Father Dr Joseph Deckert (1843 – 1901) and consecrated in 1889. Fr Deckert was a committed pastor and yet, as a church authority he used his sermons and writings as a means to spread defamatory statements about Jews and Judaism. Thus, he and others like him contributed to an intensifying anti-Semitism.

The disastrous consequences of such attitude during the National Socialist era and the denial of God's lasting covenant with Israel deeply affect us. Inspired by the conversion of the Church during the Second Vatican Council, we, as a parish community, seek further reconciliation and dialogue between Jews und Christians.

         The Parish Council 2014, 
         on the 125th anniversary of the consecration of this church

 

Plaque on the left side 

 

Many nations shall come. 
Come,  let us go up to the house of the God of Jacob;
that we may walk in his paths. For out of Zion shall go forth the law, 
and the word of the Lord from Jerusalem.

Micah, chapter 4

 

Plaque on the right side

 

God has not rejected his people whom he foreknew. 
If the root is holy, so are the branches. 
It is not you that support the root, but the root that supports you.
For the gifts and the call of God are irrevocable.

From Paul’s Letter to the Romans, chapter 11

(Bible quotations from RSVCE (Revised Standard Version Catholic Edition)

 

Plaque below on the left side

 

The Church, mindful of the patrimony she shares with the Jews ... decries hatred, persecutions, displays of anti-Semitism, directed against Jews at any time and by anyone. Since the spiritual patrimony common to Christians and Jews is thus so great, this sacred synod wants to foster and recommend that mutual understanding and respect.

From Nostra Aetate, art. 4

 

Plaque below on the right side

 

What I can tell you, with Saint Paul, is that God has never neglected his faithfulness to the covenant with Israel, and that, through the awful trials of these last centuries, the Jews have preserved their faith in God. And for this, we, the Church and the whole human family, can never be sufficiently grateful to them.

From Pope Francis’ letter to E. Scalfari, 2013

Deportationen aus dem Pfarrgebiet von St. Josef Weinhaus

 

Der Hinweis auf die Folgen des Antisemitismus in der Haupttafel lässt uns auch derer gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden.

Derzeit gibt es noch keine systematische Aufarbeitung, wie viele jüdische Menschen, die in Währing gewohnt hatten,  dies betrifft. Aus ver­schiedenen Unterlagen konnten jedoch zumindest einige Namen von Personen ermittelt werden, die im Pfarrgebiet von Weinhaus gewohnt hatten und deportiert und ermordet wurden.

Anastasius-Grün-Gasse 54: Max Heinsheimer, *1888, 1942 deportiert nach Izbica (Polen), Margarete Heinsheimer, *1895, 1942 deportiert nach Izbica, Monika Heinsheimer, *1919, 1942 deportiert nach Izbica // Antonigasse 100/4: Henriette Katz, *1873, 1942 deportiert nach Riga // Cottagegasse 15/4: Gustav Tilles, *1880, 1941 deportiert nach Theresienstadt (heute Tschechien) // Cottagegasse 39: Georg Duschinsky, *1888, 1942 deportiert nach Drancy (Frankreich), dann nach Auschwitz (Polen) // Dittesgasse 12/3: Norbert Menzer, *1882, 1942 deportiert nach Izbica, Stefanie Menzer, *1891, 1942 deportiert nach Izbica // Dittesgasse 15/6: Stanislaw Kaczkowski, *1907, 1945 deportiert nach Mauthausen // Gentzgasse 79/1/5: Isidor Feldmann, *1891, 1942 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz, Therese Feldmann, *1886, 1942 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz // Gentzgasse 86: Klara Fried, *1881, 1941 deportiert nach Brcko (Bosnien), Paul Herzog, *1886, 1942 deportiert nach Malines (Belgien), dann nach Auschwitz // Gentzgasse 104: Maria Loew-Cornelius, *1873, 1942 deportiert nach Maly Trostinec (Weißrussland) // Gentzgasse 115: Olga Zitzer, *1886, 1942 deportiert nach Izbica // Gentzgasse 132: Arnold U. Tartaruga, *1875, 1941 deportiert nach Dachau // Gentzgasse 137/22: Gisela Doktor, *1886, 1942 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz, Oskar Doktor, *1873, 1942 deportiert nach Theresienstadt // Gentzgasse 138: Irma Stein, *1896, 1943 deportiert nach Theresienstadt // Gustav-Tschermak-Gasse 13: Alice Strel, *1887, 1941 deportiert nach Prag, dann nach Ujazdov (Polen) // Gustav-Tschermak-Gasse 14/3: Berta Deutsch, *1878, 1941 deportiert nach Lodz, Leopold Popper, *1871, 1941 deportiert nach Lodz// Hofstattgasse 15:Hermann Riesenfeld, *1885, 1944 deportiert nach Fossoli (Italien), Martha Riesenfeld, *?, 1944 deportiert nach Fossoli, dann Auschwitz // Hofstattgasse 20:  Theodor Schnabl, *1924, 1943 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz // Hofstattgasse 23/7: Anna Kampf, *1892, 1942 deportiert nach Malines, dann nach Auschwitz, Heinrich Kampf, *1883, 1942 deportiert nach Malines, dann nach Auschwitz // Hofstattgasse 27/10: Isak Sinnreich, *1887, 1941 deportiert nach Lodz, Salka Sinnreich, *1892, 1941 deportiert nach Lodz// Klostergasse 16: Hertha Breuer, *1915, 1939 deportiert nach Ravensbrück // Köhlergasse 1-3/1/9: Paul Schuschny, *1861, 1942 deportiert nach Wlodawa, Malvine Schuschny, *1884, 1942 deportiert nach Wlodawa // Kreuzgasse 87-89/6/13, „Pfannenstielhof“: Leopold Neumann, *1897, 1942 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz // Lazaristengasse 6: Rosa Bleiberg-Kimmel, *1914, 1943 deportiert nach Auschwitz // Paulinengasse 9/19/13, „Lindenhof“: Julius Krieger, *1891, 1941 deportiert nach Kaunas, Kamilla Krieger, *1892, 1941 deportiert nach Kaunas, Erich Krieger, *1925, 1941 deportiert nach Kaunas // Paulinengasse 9/9/14, „Lindenhof“: Sandor Neubrunn, *1898, 1942 deportiert nach Auschwitz, Hermine Neubrunn, *1899, 1942 deportiert nach Auschwitz // Plenergasse 5/15: Ernst Friedl, *1903, 1941 deportiert nach Zasavica bei Sabac (Serbien) // Plenergasse 9: Richard Neumann, *1921, 1941 deportiert nach Zasavica bei Sabac // Plenergasse 17/6: Tibor Jäger, *1895, 1944 deportiert nach Drancy, dann nach Auschwitz // Plenergasse 24: Hermann Peczenik, *1901, 1942 deportiert nach Drancy, dann nach Auschwitz // Schopenhauerstraße 86/1: Rosa Setina, *1881, 1942 deportiert nach Riga // Schulgasse 90:Hugo Klein, *1883, 1942 deportiert nach Drancy, dann nach Auschwitz // Staudgasse 80a/1/10:David Gang, *1892, 1942 deportiert nach Riga, Ella Gang, *1892, 1942 deportiert nach Riga // Türkenschanzstraße 44: Paula Juhn, *1887, 1942 deportiert nach Kówno (Litauen), Klara Schön, *1894, 1941 deportiert nach Kówno, Philipp Schön, *1857, 1941 deportiert nach Kówno // Währinger Straße 157: Abraham Picele, *1867, 1939 deportiert nach Buchenwald // Währinger Straße 169-171/2/6, „Toeplerhof“: Michael Wipper, *1871, 1942 deportiert nach Theresienstadt, Antonie Wipper, *1870, 1942 deportiert nach Theresienstadt // Währinger Straße 188-190/2/3:Eugenie Herzfelder, *1867, 1942 deportiert nach Theresienstadt // Währinger Straße 188-190/6/16: Arthur Klein, *1889, am 12. 4. 1945 in 2., Förstergasse 7 von einem SS-Kommando erschossen // Währinger Straße 188-190/7/1: Grete Frank, *1898, 1942 deportiert nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz // Währinger Straße 188-190/9/20: Oskar Reich, *1897, 1942 deportiert über Drancy (Frankreich) nach Auschwitz

24. April 2014 – Besinnungsstunde und Enthüllung der Tafelkomposition

 

In seinen Gedanken zum Tag sagte Prof. i. R. Dr. Martin Jäggle: 
„Doch mir gibt etwas zu denken: Als Kirchenschändung gilt die Entweihung einer Kirche durch mutwilliges Zerstören von Gegenständen oder durch unsittliche Handlungen in ihr. In dieser Kirche fanden zahlreiche, gut dokumentierte antisemitische Propagandaveranstaltungen statt. Zerstörungen im Kirchengebäude sind keine sichtbar geworden, aber waren das keine unsittlichen Handlungen? Die zerstörerischen Wirkungen dieser Veranstaltungen konnten ein paar Jahrzehnte später von allen erkannt werden. Der Antisemitismus gilt als Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit, ja gegen die Menschheit. Muss man da nicht sagen, dass diese Kirche jahrelang entweiht worden ist, wenn mit Gott gegen Juden gehetzt worden ist? Die Opfer waren Juden und das Evangelium blieb auf der Strecke, das zu verkünden und zu feiern eine Kirche dient.“

Dr. Willy Weisz, Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich - jüdische Zusammenarbeit sagte u.a.: 
„Pfarrer Deckert forderte vehement die Rücknahme der Emanzipation der Juden, also der rechtlichen Gleichstellung, die sie seit 1848 genossen. Ja, er ging noch einen Schritt weiter und empfahl die Auswanderung der Juden, dabei sollte ihnen nur so viel gelassen werden, wie sie unbedingt bräuchten, und der Rest sollte im Lande verbleiben - eine Vorschau darauf, wie es Juden erging, die, solange es noch möglich war, das Dritte Reich verlassen haben…

Mit der Benennung dieser Ungeister hoffe ich, dass sie und auch die anderen noch nicht genannten Ungeister und Vorurteile gegen Juden, aber auch andere Minderheiten, aus den Ecken dieser Kirche hervor-kommen, und Sie, liebe Mitglieder dieser Pfarre, sie aus diesem Gebäu-de, das ein Hort der von G'tt beim Menschen eingeforderten Nächsten-liebe sein soll, und seiner näheren und weiteren Umgebung vertreiben können. Und dass sie konform mit dem Inhalt der Erklärung Nostra Aetate uns Juden als gleichberechtigte Mitmenschen betrachten, die halt in einigen wichtigen Punkten Ihre theologischen Vorstellungen nicht teilen ? wie dies in guten Familien immer wieder vorkommt.

Pfarrer Peter Zitta sagte in seinen Ausführungen:
„Ich bin mir bewusst und möchte das in aller Offenheit sagen, dass die Tafeln, die wir der Öffentlichkeit übergeben wollen, nicht die ganze Wirklichkeit abdecken…
Wir sind uns bewusst, dass wir, auf 125 Jahre blickend, vom Antisemitismus nicht nur von Pfarrer Deckert sprechen können, wir müssen auch sprechen, was in anderen Gedenktafeln des Bezirkes schon vor dem Vergessen gerettet wurde: Verfolgung, Deportation, die Schoa.“

Und er erinnerte an den Tag des Judentums 2014 mit dem Gedenken an die Zerstörung des Währinger Tempels in der Schopenhauerstraße in der Pogromnacht 1938, und schloss: „Wir möchten den heutigen Tag damit in einem Zusammenhang sehen, denn auch das ist gefügt und verpflichtet uns: dass beide, Synagoge und Kirche, 15. September und 12. Mai, im selben Jahr eingeweiht wurden, 1889, vor 125 Jahren, nur: während unsere Kirche noch steht, hier, wurde die Synagoge in der Reichs-Pogromnacht zerstört.“

Fragen, die die Arbeitsgruppe der Pfarre auf dem Weg reflektierte

 

 

Waren und dachten damals alle so?

 

Es gab Bemühungen gegen den Antisemitismus wie z.B. die Gründung eines Vereins zur „Abwehr des Antisemitismus“, durch Gundaccar von Suttner, davon schreibt seine Frau Berta von Suttner in ihren Memoiren, 1890/91. Viele Prominente, so der Architekt Hasenauer, Peter Rosegger, das Ehepaar Ebner-Eschenbach und Johann Strauß arbeiteten mit. Theodor Herzl, um seine Mitarbeit gefragt, erwiderte: Es ist zu spät.

Im Wunsch, deutlich gegen den Antisemitismus das Wort zu erheben, veröffentlichte Julius Lang schon 1890 anonym eine kleine Broschüre mit dem Titel: Der Antisemitismus vom katholischen Standpunkte als Sünde verurtheilt: Studien über die Frage: kann der gläubige Katholik Antisemit sein? Ist Judenhass wirklich eine schwere Sünde? Von einem kath. Privatgelehrten. Zu beziehen durch das Zeitungsbüro (Buchhandlung) von Hermann Goldschmiedt, Wien 1, Wollzeile 6. Auf seine Kosten ließ er 50.000 Exemplare drucken, um sie breit unters Volk zu bringen.

Noch 1891 lehnten aber auch alle Bischöfe Österreichs in einem Hirtenbrief Nationalismus und „heidnischen Racenhass“ entschieden ab, schwiegen aber zugleich in den folgenden Jahren zu den antisemitischen Ambitionen von Pfr. Deckert, der selbst in einem Chronikbuch der Pfarre („Memorabilien“) 1894 schrieb: 
Das Schutzfest des h. Joseph wurde vom 15.-22. April mit einer Oktave gefeiert, wobei ich 8 Conferenzreden unter ungeheurem Zusammenlaufe der Bevölkerung über die ältesten und gefährlichsten Feinde des Christenthums: die Juden hielt. Viele Juden und Deutschnationale in der Kirche, die überfüllt war: großes Geschimpfe in den jüdischen Zeitungen: Maier & Andre, zwei Gemeinde Ausschüsse beantragen im Bezirksausschuß meine strafweise Versetzung; mit Majorität abgelehnt von den Antisemiten; große Begeisterung im Bezirke. Andre legt seine Stelle zurück.

1895 gewann die von Dr. Karl Lueger 1893 gegründete christlich-soziale Partei die Landtagswahlen. Theodor Herzl schreibt in sein Tagebuch: 
In Wien waren am Tag vor Erew Rausch haschonoh die Gemeinderatswahlen. Alle Mandate fielen den Antisemiten zu. Die Stimmung ist eine verzweifelte unter den Juden. Die Christen sind schwer verhetzt. Laut ist die Bewegung eigentlich nicht. Für mich an den Lärm von Pariser Bewegungen Gewöhnten ist sie sogar viel zu still. Ich finde diese Ruhe unheimlicher. Dabei sieht man überall Blicke des Hasses, auch wenn man sie nicht mit der lauernden Angst eines Verfolgungswahnsinnigen in den Augen der Leute sucht... Gegen Abend ging ich auf die Landstraße. Vor dem Wahlhaus eine stumme, aufgeregte Menge. Plötzlich kam Dr. Lueger heraus auf den Platz. Begeisterte Hochrufe; aus den Fenstern schwenkten Frauen weiße Tücher. Die Polizei hielt die Leute zurück. Neben mir sagte einer mit natürlicher Wärme, 
aber in stillem Ton: „Das ist unser Führer!“ Mehr eigentlich als alle Deklamationen und Schimpfereien hat mir dieses Wort gezeigt, wie tief der Antisemitismus in den Herzen dieser Bevölkerung wurzelt.“

 

Nochmals zu den Gedanken von Pfarrer Deckert

 

Vom 26. 4.-3. 5. 1896 hielt Pfarrer Deckert, als Antwort auf die von Theodor Herzl veröffentlichte Schrift „der Judenstaat“ acht Conferenzreden über die Themen: „Juden raus“, „Auswanderung der Juden“ und „Zionistische Juden“. Er schrieb darin:

 „Der Sudan ist ohnehin eine schöne Gegend … sie könnten auch gleich die Vielweiberei … wieder einführen … auch den Sclavenhandel könnten sie gleich wieder betreiben … (J 59f) „… dass die Lösung der Judenfrage … bald und in friedlicher Weise erfolgen möge … dazu verhelfe uns der allmächtige Gott durch die Fürsprache und den Schutz des hl. Jospeh. Amen.“ (J 16)

Als sein Text „Vater unser in der Juden(Christen)noth“ von der Staatsanwaltschaft konfisziert wird, ließ ihn die Wiener Kirchenleitung gerade nur wissen, er solle „künftig bei Predigten der Heiligkeit des Amtes und Ortes stets eingedenk sein.

So trafen sich in den Schriften und Reden von Pfarrer Deckert mehrere Gesichtspunkte:
Aus einer falschen, durch Jahrhunderte gepflegten Theologie und Predigt in den Kirchen und Schulen im Sinne eines Antijudaismus wurde Israel als verworfen dargestellt, seinen Bund mit Gott habe es verwirkt.
Daraus wuchsen Lügen und Verleumdungen: Sie würden nur die Weltherrschaft anstreben, sie würden Kinder morden, um ihr Blut im Gottesdienst zu verwenden (eine irre Behauptung auch deshalb, weil Juden der Genuss von Blut verboten ist), Pfarrer Deckert versuchte sogar, für solche „Ritualmorde“ Beweise zu bringen und verließ sich auf einen „Gewährsmann“, dessen Aussagen damals schon als falsch erwiesen wurden, u.a.
Und schließlich wurde der Boden für die Theorie einer neuen „Herrenrasse“ mit bereitet, die Juden als mindere Rasse deklarierte und als Begründung diente, zum Schutz des arischen Menschen die jüdische Rasse und auch andere minderwertige Gruppen auszurotten.

Beim Lesen solcher Texte und im Erinnern der Geschichte bis hin zum Nationalsozialismus steht uns lebendig der Satz Elie Wiesels vor Augen, der durch die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald die Schoa überlebte: „Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.“

 

Die Wende im 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965)

 

Ohne dass es damals danach aussah, war es auch der französische Historiker Jules Isaac (gest. 1963), der die Türe zur Konzilserklärung „Nostra Aetate“ öffnete. Er hatte eine Reihe von Vereinigungen jüdisch-christlicher Freundschaft ins Leben gerufen und das umfangreiche Material, das er in diesem Zusammenhang gesammelt hatte, bei einer Privataudienz Papst Johannes XXIII. über­reicht, der es an die von Kardinal Augustin Bea gegründete Arbeits­gruppe für die Bezie­hungen der Kirche zum Judentum weitergab. Diese Kommission erarbeitete die Grundlage für den Punkt 4. der Erklärung „Nostra Aetate“.

An dieser Konzilserklärung war auch Johannes Österreicher, aus Mähren, jüdischer Abstammung, später katholischer Priester, wesentlich beteiligt. (Er war übrigens vor seiner Flucht 1938 als Religionslehrer bei den Ursulinen in der Gentzgasse tätig.) In einer Predigt in Paris sagte er im November 1939: „Das ist der Geist Kains, dem schon die Existenz des Bruders ein Dorn im Auge ist, der den Tod des Nächsten fordert, weil er mehr Lebensraum nötig zu haben vorgibt … nicht Hüter des Bruders will er sein, sondern Herrscher, Despot, Unterdrücker.“

 

Die jüdische Wurzel des Christentums, eine Frage unter vielen 
oder eine Grundfrage christlichen Selbstverständnisses

 

Das Denken „die Juden“, „die Ausländer“, „die Politiker“ etc. ist ein gesellschaftliches Problem, und auch bei uns selbst mögen solche Denkmuster immer wieder auftauchen. Aber wenigstens unser Verstand sagt, dass wir damit leicht Unrecht tun. Gerade im jüdischen und christlichen Denken stehen jeder Person Individualität und Würde zu. Doch dies reichte eben nicht, um durch die Jahrhunderte einen Antisemitismus, ein „die Juden…“ zu verhindern.

Zugleich verbirgt sich sogar in diesem von Christen und Nichtchristen weitergegebenen „die Juden“ paradoxerweise eine Wahrheit: Sie sind als Volk berufen, wie heute die aus dem Judentum kommenden christlichen Gemeinden auch, Zeugnis zu geben von der Herrlichkeit des Herrn.

Von vielen Seiten wird das Erinnern auch deshalb eingefordert, damit nie wieder solches geschieht. Dabei wird mitunter der Versuch der Judenvernichtung als Völkermord bezeichnet, wie er zu anderen Zeiten in Armenien, in Ruanda, Burundi oder auch bei den Massakern im Kongo, im früheren Jugoslawien geschehen sei. Auch wird in dem Zusammenhang auf andere Bevölkerungsgruppen hingewiesen, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie   zum Opfer fielen, wie die Roma und Sinti, politische Gegner (Sozialisten, Kommunisten).

So schrecklich dies alles war und bleibt, scheinen solche Vergleiche doch einen Punkt, einen entscheidenden, nicht zu erreichen. Was Hitler und der Nationalsozialismus wollten und in die Tat umsetzten, war die  systematische, von höchster Stelle durchorganisierte Ausrottung der Juden durch Pogrome und in den Gaskammern. „Es darf nicht zwei auserwählte Völker geben“, war Hitlers Überzeugung. (Und es gibt genügend historische Evidenz, dass die Vernich­tung sich nach dem Endsieg programmatisch auch auf die Christen erstreckt hätte.)  Damit bekommt der Satz: „Erinnern, damit nie wieder solches geschieht“ nochmals ein anderes Gewicht. Gerade die jüdische und christliche Glaubenstradition weiß um die Herrschaft der Bosheit und um den Auftrag, zu heilen und Frieden zu stiften. Ich erinnere nur an Schwester Restituta Kafka, die wegen ihres standhaften Glaubens von den Nazis hingerichtet wurde. Vor Jahren, als es um die Umbenennung des Pfarrer-Deckert-Platzes ging, schlug die Stadt Wien der Pfarre ihren Namen vor.

 

„Vergessen verlängert das Exil. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ 
(Baal Schem Tov, 18. Jh., zugeschrieben)

 

So wurde die Arbeit an der Geschichte eine Frage für uns: Wie sehen wir diese Vergangen­heit? Wollen wir sie lieber verschweigen? Oder habe wir die Freiheit zu fragen: Was bedeutet es für unsere Zeit, unseren Glauben? Nicht einfach Schuldzuweisung an einen der Pfarrer früherer Zeit, sondern zurückdenken, um das am Glauben Vergessene neu zu benennen  und damit für christliches Denken und Handeln die Kraft seiner Wurzel wieder zu gewinnen.

Betroffen ist ja das Volk, von dem wir glauben, dass es das von Gott erwählte für seinen Rettungsplan für die Welt ist. Das Wort „auserwählt“, das oft verwendet wurde, ist in unserem Sprachgebrauch missverständlich, etwa so: „Wer ist auserwählt, an den olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen?“ Müssen wir nicht eher sagen „das Volk, dem Gott die Last seines Auftrages auferlegt hat“?

Dieses Volk ist Träger der Offenbarung Gottes, wer er ist, in einem Jahrhunderte langen Prozess der Kritik am Heidnisch-Religiösen hat es  dies durchtragen müssen und ist selbst dabei auch immer wieder gefallen in dem Wunsch und der Versuchung, sich den anderen anzupassen.

Dennoch, wie Israel hat auch die Kirche diese andere Gotteserfahrung festgehalten, hat nie zugelassen (z.B. gegen den Irrlehrer Markion), dass das sog. „alte Testament“ vom „neuen“ getrennt würde, als wäre es ein Nacheinander, bei dem das eine zu Ende geht, das andere aufstrahlt.

Heute kämpfen die christlichen Konfessionen um das rechte Verstehen, dazu mögen die folgenden Gedanken helfen. Denn auch heute sind fast alle Formulierungen noch Stückwerk und fassen nicht das volle Geheimnis des von Gott gedachten Heilsweges.
So verstehen manche vielleicht das Wort, das Jüdische sei die Wurzel des Christlichen, auch wie ein Nacheinander: Damals entstand aus dieser Wurzel das Christliche, jetzt aber geht es um das Christliche.
Doch ist es faktisch so: Ohne „Bundes-Testament“ (AT) gerät die „apostolische Bibel“ (NT) in den Bereich beliebiger Auslegung

Papst Johannes Paul II. sagte 1986 bei seinem Besuch in der Synagoge in Rom: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas Äußerliches, sondern. gehört in gewisser Weise zum Inneren unserer Religion. Zu ihr haben wir so viele Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, und so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“. 
(zitiert nach Peter Hirschberg, „Jesus zwischen Christen und Juden“, http://peter-hirschberg.de/artikel/3/jesus-zwischen-christen-und-juden)

 

Das Jüdische am Christentum

 

Der amerikanische jüdische Theologe Daniel Boyarin führt in einem 2012 veröffentlichten Buch aus, dass nichts in den Evangelien von Markus und Matthäus darauf hinweise, dass Jesus sich außerhalb der Tora gestellt hätte. Und von Jesus selbst kennen wir das Wort: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen.

Ein paar Beispiele also für das bleibend Jüdische:

1. der umfangreichste Teil unserer Bibel

Die hebräische Bibel ist zwar nicht völlig identisch mit unserem sog. Alten Testament, aber der weitaus größere Teil ist den Juden und uns gemeinsam (Nicht in der jüdischen Bibel enthalten sind die Bücher Judit, Tobit, Baruch, Jesus Sirach, Buch der Weisheit, 1. und 2. Makkabäerbuch, sowie Teile der Bücher Daniel und Ester).

2. Die „10 Gebote“ – auch ein Beleg der Du-Beziehung Gottes zu jedem einzelnen Angesprochenen (wie schon die Paradieserzählung!) – im jüdischen Sprachgebrauch oft als „Zehnwort“ bezeichnet (Septuaginta: Dekalog): Sie sind etwas Einmaliges, das es so in anderen Religionen nicht gibt.

In der Dissertation der Judaistin Ursula Peter-Spörndli (2010) schreibt die Autorin: „Das Zehnwort wurde nicht kollektiv an das Volk gerichtet, sondern ist in der persönlichen Du-Form an Israel ergangen. Gemäß R. Jochanan ging am Sinai ein Engel mit jedem der zehn Worte Gottes von einem Israeliten zum anderen und fragte: Nimmst du diesen Ausspruch an? Mit dieser anschaulichen Geschichte bringt R. Jochanan zum Ausdruck, was Hörer des Dekalogs bis heute fasziniert und zuweilen auch provoziert: Das unmittelbare persönliche „Du“ der Zehn Worte macht seinen Hörer unweigerlich zum Gegenüber. Obwohl die Zehn Worte nicht als Fragen formuliert sind, provozieren sie mit ihrer persönlichen Direktheit eine Antwort oder zumindest eine Reaktion. Mit den Fragen des Engels weist der Midrasch außerdem darauf hin, dass die Annahme der Zehn Worte freiwillig war.

(U. Peter-Spörndli, Die Zehn Worte vom Sinai, Berlin 2012)

Die Annahme der Gebote verbindet die, die sie annehmen, und gibt dieser Gruppe von Personen eine „Sozialgestalt“. Rund um diese Kernsätze der jüdischen Lebensordnung ist das ganze Buch Deuteronomium entstanden.

3. Mit der Annahme der „10 Gebote“ auch das Wissen um den Auftrag zur Weltgestaltung:
Im Buch Genesis heißt es: Macht euch die Erde untertan – wir brauchen nur an die Kultivierungsleistungen der Klöster zu denken, um zu verstehen, dass es in der Kirchengeschichte Zeiten gab, wo dieser Auftrag klar gesehen und umgesetzt wurde – zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen.
Es gibt bei den Juden den Ausdruck „tikun haolam“ – das meint die Wiederherstellung der Welt. Sie ist der Auftrag der Juden wie der Christen. Erinnert sei in dem Zusammenhang auch an die Rede von Papst Benedikt XYI. vor dem Deutschen Bundestag 2011, in der er das Mühen um die Identität aller Belange des Menschen und der Welt als Quelle für den Auftrag jeder Politik beschrieb.

4. Das biblische Israel verstand sich als Volk, das Gott gehört, das vom ihm erwählt wurde als sein Werkzeug, durch das er in der Welt sein kann. Die Christen sind diesem Volk hinzugefügt (siehe z. B. verschiedene Stellen in den Paulusbriefen). Das II. Vatikanum hat die Kirche als auch „Volk Gottes“ stark ins Bewusstsein gehoben und – wenn auch noch etwas vorsichtig – betont, dass sie damit nicht die Juden als Gottesvolk „abgelöst“ hat.

5. Solidarität
Das Buch Deuteronomium enthält viele Regeln über das Miteinander im Volk Gottes, wie es sich von der Lebensordnung der Völker ringsum deutlich unterscheiden soll, um so von der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes Zeugnis zu geben. Jesus formuliert – ganz im Judentum -das größte Gebot: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst. Das gilt für uns Christen in gleicher Weise.

6. Wenn man die Bücher der jüdischen Bibel ließt, merkt man sehr schnell, dass es dabei um eine Geschichte geht, die Gott mit den Menschen und mit den Israeliten auf besondere Weise eingegangen ist. Auch das Neue Testament und die Kirchengeschichte belegen: Gott handelt immer durch konkrete Menschen, die an konkreten Orten, zu einer bestimmten, benennbaren Zeit. Der Begriff Heilsgeschichte sagt uns, dass Gott sozusagen unermüdlich dabei ist, seinem Ziel, dem Heil der Menschen, zum Durchbruch zu verhelfen – gegen unseren Unglauben, gegen unsere fehlende Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb dürfen wir in jeder Messe bitten: Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche ...

7. Schabbat und Sonntag
Der Schöpfungsgeschichte entstammt der Schabbat – der siebente Tag der Woche, an dem Gott ruhte und den er als Tag der Ruhe und der Freude über die Beziehung Gottes zu uns dem Volk Israel geschenkt hat. Dass die Christen ihn schon sehr bald auf den Sonntag, den Tag der Auferstehung Jesu „verlegt“ haben, ist aus ihrer Glaubenssicht theologisch naheliegend.

8. Auferstehung
Es gab im Judentum schon sehr früh auch Richtungen, die an eine Auferstehung glaubten. Das ist bis heute so. Grundsätzlich ist das also kein speziell christlicher Glaubensinhalt;

9. Verwirklichung
Der Wille Gottes muss getan werden – er ist nicht etwas für stille Erwägung im Herzens­kämmerchen, er muss sichtbar werden, erfahrbar. Israel hat Gott sozusagen nicht für sich erkannt, sondern für die ganze Welt, der es zum Segen werden soll. Im Judentum spielen deshalb die Handelsanweisungen, die sich aus dem Studium der Tora ergeben, eine so große Rolle. Das Wissen, dass schöne und hehre Ideen und Ideale nichts wert sind, wenn sie nicht in Taten umgesetzt werden, durchzieht die jüdische Geschichte bis heute. Jesus hat das für uns in klare Worte gefasst: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.

10. Der eine Monotheismus von Juden und Christen

Aus einem Vortrag von Dr. Peter Hirschberg, „Jesus zwischen Christen und Juden“:(http://peter-hirschberg.de/artikel/3/jesus-zwischen-christen-und-juden):

Christen glauben, dass Gott uns durch Jesus Christus Erlösung geschenkt hat. Juden erinnern uns durch ihr Nein zu Jesus immer wieder an die Unerlöstheit dieser Welt und an unsere eigene Unzulänglichkeit. Diese Erinnerung muss nicht zur Folge haben, dass wir an dem irre werden, was Gott uns in Christus geschenkt hat, aber sie kann uns realistisch vor Augen führen, dass auch nach dem Zeugnis des Neuen Testaments das Heil erst angebrochen ist. Nicht zufällig spricht Paulus von Christus als „Erstling“ der neuen Schöpfung oder vom Geist als „Angeld“ der Verheißung. Vielleicht brauchen wir Christen den Stachel jüdischer Kritik, um nicht zu schnell dort eine Erlösung zu propagieren, wo alles noch nach Erlösung schreit...
Vielleicht gehört es ja zur göttlichen Berufung des jüdischen Volkes, die Christusfrage offen zu lassen (D. Bonhoeffer), so dass es an uns wäre, diese Offenheit als göttliches Geheimnis zu bejahen. Meine Überzeugung jedenfalls ist, dass Juden und Christen sich gegenseitig provozieren und inspirieren sollen, und sie gerade so das kommende Reich Gottes wirkungsvoll in dieser Welt bezeugen können.
Als Christen glauben wir an den Gott Jesu. Dieser Gott ist kein Abstraktum, keine philosophische Idee, kein unbeschriebenes Blatt. Er ist Gott Israels, der Gott, der dieses Volk erwählt hat und der sich in der Geschichte dieses Volkes zu erkennen gab. So glauben wir mit den Juden zusammen an denselben Gott, wenn auch wir ihn im Unterschied zu Juden, als Vater, Sohn und Heiligen Geist anbeten. Das mag im Zeitalter interreligiöser Verständigung nicht besonders revolutionär klingen, dennoch ist es alles andere als eine Selbstverständlich-keit. Es geht ja nicht nur um Monotheismus, um die Frage des Eingottglaubens. Den teilen wir natürlich auch noch mit anderen Religionen. 
Es geht viel entscheidender um die Frage, wer dieser eine Gott in seinem Wesen ist. Anders ausgedrückt: Was macht den einen (numerisch) einzigartig? Für Juden und Christen besteht diese Einzigartigkeit darin, dass dieser Gott ein zutiefst personaler, ein leidenschaftlicher, ja liebender Gott ist. Die Göttlichkeit des Gottes Israel und des Gottes Jesu besteht gerade nicht darin, sich fein aus allem Irdischen herauszuhalten, unbewegt über den Dingen zu stehen, sondern sich aus Liebe auf die menschliche Geschichte einzulassen, sich berühren zu lassen, ja sogar: zu leiden! In diesem Sinn kann man meiner Meinung nach nur vom Judentum sagen: Wir glauben an denselben Gott.

Bei einem Vortrag  in der päpstlichen Gregoriana-Universität, 50 Jahre nach dem Dokument „Nostra Aetate“, sagte der Rabbiner Abraham Skorka aus Argentinien, der Papst Franziskus im Mai 2014 auf seiner Reise nach Israel begleiten wird, wie er die Entwicklung im Dialog zwischen Juden und Christen einschätzt:
Durch den ehrlichen Dialog wende man einander seine existenziellen Zweifel zu, die ähnlich seien für jeden der lebt, und man gebe sich auch die Antworten, die jeweils dem eigenen Glauben entspringen. Am wichtigsten war und ist für ihn die Frage, was ein Christ über einen Juden und was ein Jude über einen Christen wissen muss. Er führte aus:

„Ich bestreite nicht, dass es in diesem Dialog nicht im Geringsten die Absicht gibt, den Anderen von der Wahrheit des eigenen Glaubens zu überzeugen und auf die Fehler im Glauben das Anderen hinzuweisen. Wenn das aber geschieht, kann sich der Dialog schnell in einen Streit wandeln, so wie es leider im Mittelalter war. Was ich will, ist, dass der Christ erfährt, warum ich Jude bin, und dass ich erfahre, warum er ein Christ ist. Nur so können wir uns gleichermaßen respektieren und eine Realität schaffen, in der eine reife Liebe herrscht. Erkenntnis und Liebe sind Synonyme im Hebräischen.“

Den Dialog zwischen Juden und Christen weiterzuführen, sei darum eine „Aufgabe der Superlative“, betont Skorka in seinem Vortrag.
(zitiert aus Newsletter Radio Vatikan, 17.01.2014)

Dr. Peter Zitta